"Diagnoseverzögerung bei Frauen mit MB" mit Dr. Schwokowski

Warum dauert es bei Frauen so viele Jahre länger, bis die Diagnose Morbus Bechterew steht? Warum tun sich so viele Nicht-Rheumatologen so schwer, die Diagnose überhaupt zu stellen?
Fest steht, es erkranken etwa genauso viele Frauen wie Männer an dieser Krankheit. Auch verläuft sie keineswegs milder.

Über genau diesen Umstand referierte Herr Dr. med. Uwe Schwokowski, Facharzt für Orthopädie mit Schwerpunkt Rheumatologie und beratender Arzt der DVMB am 18.06.22 vor interessierten Frauen des FNW.

Er erläuterte sehr eindrucksvoll die Unterschiede der verschiedenen Formen der Spondylarthritiden, wo der Morbus Bechterew nur ein Teil davon ist.

Die Spondylarthritiden insgesamt werden z.T. erst sehr spät oder gar nicht diagnostiziert, man geht von einer hohen Dunkelziffer aus. 
Das Alter bei Symptombeginn weicht erheblich vom Alter bei Diagnosestellung ab, was einer Diagnoseverzögerung im Jahr 2000 von ca. 9 Jahren entspricht. Dies hat sich nur leicht verbessert.

Problem ist, dass alle Diagnosekriterien "männlich" sind. Die axSpA (dazu gehören die nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis und die Spondylitis ankylosans) verläuft bei Frauen nicht milder, aber anders. Es wird weniger rheumatologisch interpretiert und weniger an einen M. Bechterew gedacht, da die Beschwerden häufiger in der Becken/Hüft-Region empfunden werden und oft auch in peripheren Gelenken oder an den Sehnenansätzen beginnen. Frauen bleiben häufig über einen längeren Zeitraum beweglicher und aufrechter, hypermobile/instabile Segmente können bleiben und schmerzhaft sein. Die HWS ist früher und häufiger mit befallen. Diese Symptome führen dann häufig zu Fehlinterpretationen der behandelnden Ärzte – Hausärzte, Orthopäden, Gynäkologen – mit einer entsprechenden Fehldiagnose wie Rheumatoide Arthrits, Fibromyalgiesyndrom, Hüftarthrose u.a.. Die Überweisung zum Rheumatologen entfällt. Selbst Frauen interpretieren ihre Erstsymptome anders als Männer.

Anschliessend beleuchtete Dr. Schwokowski die verschiedenen Therapieformen näher, die sich im Verlaufe der letzten Jahre z.T. erheblich verändert haben. Grundpfeiler sind hierbei die nicht-medikamentöse Therapie und die pharmakologische Behandlung. Zur nicht-medikamentösen Therapie zählen gezielte Gymnastik, bewusste Ernährung und eine gesunde Lebensführung.
Bei den Medikamenten sind die NSAR (nicht steroidale Antirheumatika wie Ibuprofen, Diclofenac) incl. Coxibe (z.B. Arcoxia, Celebrex) Mittel der ersten Wahl.
Danach werden häufig bereits die Biologica eingesetzt, die gegen bestimmte entzündungsfördernde Botenstoffe des Körpers gerichtet sind und dabei gezielt verschiedene Zellgruppen blockieren und somit ausschalten. Mittel wie MTX o.ä. wirken bei der rein axialen Form meist gar nicht. Dort  gibt es eine Basistherapie z.B. mit Sulfasalazin.

Die Erfahrung nach 20 Jahren Biologica-Therapie sind vielfältig: sie sind zwar die teuerste aber auch die die wirksamste und bestuntersuchteste Medikamentengruppe, die Infektionsneigung ist meist eher gering, bislang gibt es keine Hinweise auf eine Erhöhung der Entsteheung von Tumoren oder Lymphomen. Bei einem frühzeitigen Einsatz könnten sie sogar zu einer Remission führen.

Was hat das jetzt aber mit uns Frauen zu tun?
Bei den frauenspezifischen Betrachtungen fallen einige Unterschiede auf:
Biologische Unterschiede
„Frauen sind meist nicht nur etwas kleiner und leichter als Männer, sondern auch die Organe unterscheiden sich zum Teil bis in die Zellstruktur und Enzymzusammensetzung. Die weibliche Leber hat teilweise mehr Probleme, manche Medikamente zu verstoffwechseln und auszuscheiden, was zu Überdosierungen führen kann. Zudem haben meist ältere Frauen eine deutlich schlechtere Nierenfunktion als gleichaltrige Männer. Auch hierbei besteht die Gefahr einer Kumulation (z.B. Methotrexat). Entsprechend muss die Dosierung u.a. abhängig vom Geschlecht und der Organfunktion angepasst werden“.

Immunologische und hormonelle Grundlagen
▪ Zwischen männlichen und weiblichen Patienten mit einer axSpA gibt es wesentliche Unterschiede in der Häufigkeit bestimmter Immunzellen im Blut
▪ Auch von dem Zytokin (Botenstoff) Interleukin 17 haben männliche Patienten eine höhere Konzentration im Blut als weibliche
▪ Die Ausprägung des Geschlechtshormons Östrogen bei Frauen ist nicht nur für die offensichtlichen Geschlechtsmerkmale verantwortlich, denn Östrogen hemmt auch die Produktion von TNF-alpha und greift damit in den Entzündungsprozess der axSpA ein

Neben den unterschiedlichen Symptomen haben Frauen auch ein geringeres Ansprechen auf eine Anti-TNF-Therapie.

Eine Niederländische Studie in 2019 zu MB zeigte u.a., dass Frauen mit Morbus Bechterew eine höhere Krankheitsaktivität und eine schlechtere Lebensqualität haben als Männer mit Morbus Bechterew. Beide Geschlechter sprachen gleich gut auf eine Behandlung mit TNF-alpha-Hemmern an, Frauen wechselten allerdings häufiger das Medikament. Bei Männer zeigten sich stärkere Schäden im Röntgenbild.

Dies entspricht auch unseren Erfahrungen.

Anschliessend stand Dr. Schwokowski noch für Fragen der Teilnehmerinnen zur Verfügung.

Der Abschluss stand ganz im Sinne unseres Fragebogens, den das FNW in Zusammenarbeit mit Dr. Schwokowksi erarbeitet hat und der in den nächsten Tagen Online gestellt werden wird. Wir werden hier erneut berichten und hoffen auf eine rege Teilnahme.

Zurück
Zoom18062022_1.jpg